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Festpredigt von Prälatin Gabriele Wulz

100 Jahre Posaunenchor Vaihingen – Gottesdienst am 8. Oktober 2006

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen

Von der Schwanenknochenflöte zum Vaihinger Posaunenchor, liebe Festgemeinde, ist ein gewaltiger Weg. Von den zarten, klagenden Klängen dieses Ur-Blasinstrumentes mit seinen klagend-melancholischen Tönen bis zum vollen Klang eines Posaunenchors braucht es Jahrtausende und genauso viel Wollen und Können und Engagement einzelner.

Das kann man erst wirklich ermessen, wenn man sich vorstellt und klarmacht, wieviel Kraft und Energie und Durchhaltewillen einzelner es braucht, um nur einen Posaunenchor 100 Jahre lang am Leben zu erhalten und über Abbrüche und Krisen, Alltag und Höhenflüge hinweg Menschen zu sammeln: zur wöchentlichen Probe, zum Spielen im Gottesdienst, für Ständchen und für besondere Gelegenheiten.

Daß es nach 100 Jahren in Vaihingen immer noch einen Posaunenchor gibt, halte ich wirklich für ein kleines Wunder. Einen Chor am Laufen zu halten, seine Mitglieder auch über Durststrecken hinweg zum Spielen motivieren, immer wieder den Ausgleich der Generationen hinkriegen – vor allem was die Auswahl der Stücke angeht und den musikalischen Geschmack – das ist kein Kinderspiel. Das braucht den Einsatz aller.

Und so ist Ihre Festschrift ein Gesamtkunstwerk, das die Zeiten und Generationen überspannt, und damit zugleich ein Spiegelbild der Geschichte der Gemeinde und einzelner prägender Personen. Das Auf und Ab, Blühen und Gedeihen ebenso wie das Schwächeln - das alles wird präsent, wenn man in Ihrer Festschrift blättert, die Bilder sieht und wohlvertraute, wohlbekannte Namen liest.

100 Jahre sind eine beachtliche Zeit. Von uns gerade noch so zu überblicken. Zwei Generationen zurück reicht das individuelle Gedächtnis. Mit etwas Mühe und Anstrengung, aber immerhin. So ist Ihr Jubiläum, Ihr Feiern erfahrungsgesättigt und lebensnah und nicht zuletzt deshalb ein Fest der ganzen Gemeinde.

Liebe Mitglieder im Posaunenchor, „Gott loben, das ist unser Amt“ – der Liedvers formuliert Auftrag und Verantwortung der Posaunenchöre. Drunter machen Sie es auch hier in Vaihingen nicht. Das ist gut, weil Sie damit uns alle, die ganze Gemeinde, an unsere Aufgabe erinnern. Und wenn heute, an diesem Festtag, das zweite Lied des Gottesknechts als Predigttext gegeben ist, dann soll das Nachdenken über dieses Wort der Schrift helfen, unseren Auftrag und unsere Verantwortung in der Welt und für die Welt zu verstehen.

Aus dem 49. Kapitel des Buches Jesaja lese ich die Verse 1 bis 6: ...

Über sich selbst hinausgehen. Bis zu den Inseln ... An die Ränder. Dahin, wo die feste Erde so langsam abbröckelt und ausfranst ... Der Auftrag des Gottesknechts, liebe Gemeinde, ist universal und richtet sich an alle Menschen, an die ganze Erde.

Wer ist dieser Mensch? Ein Einzelner? Der Prophet im babylonischen Exil selbst? Oder ganz Israel? Oder eine Gruppe innerhalb des Volkes? Eine Antwort auf diese Frage, liebe Gemeinde, gibt es nicht. Die Gelehrten streiten sich. Und manchmal denke ich: vielleicht ist das ja gerade die Absicht der vier Lied innerhalb des Buches Jesaja, daß wir nicht genau sagen können, wer hier spricht und wer hier von seinem Auftrag und von seinem Wirken erzählt.

Vielleicht ist diese Uneindeutigkeit gewollt, damit wir diese Lieder eben nicht biographisch-individuell verengen und gebannt und fasziniert auf eine Person und deren Schicksal starren. Denn so können sich diese Lieder für uns öffnen und zu uns sprechen – auch über den Abstand der Jahrtausende hinweg. Im ersten Lied – der Auftrag: Recht und Gerechtigkeit bis an die Enden der Erde bringen. Weisung des Herrn allen Menschen nahebringen. Aber das nicht als Kreuzzug, nicht gewalttätig, sondern so, daß das geknickte Rohr nicht zerbrochen wird – und der glimmende Docht nicht ausgelöscht wird. Nicht mit lauter Stimme, Parolen skandierend, die Masse in fanatische Begeisterung versetzend, sondern still und leise und um Einsicht, um Verstehen werbend. So, daß man schon genau hinhören muß, um die Botschaft des Gottesknechts zu vernehmen.

Im zweiten Lied dann: der Blick zurück. Vor alle Zeit – und deshalb die Rede von der Berufung, von der Erwählung des Knechts. Er ist kein selbsternannter Prophet. Keiner, der in eigener Sache unterwegs ist. Sondern ein Mensch, der zweifelt – vor allem an sich selbst. Ein Mensch, der verzagt ist und der von der Vergeblichkeit seiner Bemühungen spricht.

Warum hört er nicht einfach auf? Warum schmeißt er den Bettel nicht hin? Angesichts der Widerstände und der Widerwärtigkeiten wäre das zu verstehen. Man muß sich ja nicht alles antun... Aber eben diese Freiheit hat der Knecht Gottes nicht. Und deshalb ist im 2. Lied auch von der Erwählung die Rede. Davon, daß der Knecht von Mutterleib an berufen ist. Also: gar nicht anders kann. Denn Gott hat ihn in Beschlag genommen.

Die Propheten des Alten Testaments – wenn sie denn nicht zur beamteten und institutionalisierten Zunft gehörten – waren immer im Zwiespalt. Sagen zu müssen, was ist, ist keine einfache Aufgabe. Gericht ansagen, wenn alle vergessen wollen, daß sie auf dem Rand des Vulkans tanzen, ist genauso wenig angenehm, wie Trostwort sagen, wenn alle in Selbstzerknirschung und Depression versinken.

Von Gott her sagen zu müssen, was ist und was sein soll, das sucht man sich nicht aus. Der Gestus der Selbstgefälligkeit und Selbstgerechtigkeit verbietet sich von allein. Der Prophet ist nicht Herr seiner selbst, sondern in anderer Sache unterwegs.

Der Prophet Jeremia sagt einmal: Herr, du hast mich überredet, und ich habe mich überreden lassen. Du bist mir zu stark gewesen und hast gewonnen. Aber ich bin darüber zum Spott geworden täglich, und jedermann verlacht mich.

Und ähnlich ergeht es dem namenlosen Knecht Gottes, der in seinem zweiten Lied erzählt: Ich dachte, ich arbeitete vergeblich – für das Nichtige – und verzehrte meine Kraft umsonst und unnütz. Für den Wind, wie es ganz wörtlich heißt.

„Ich dachte“ --- das war das Gefühl. Das war der Eindruck. Aber dieser Eindruck wird von Gott zerstreut. Deshalb in diesem Lied die Gottesrede und die Bekräftigung des Auftrags: Nicht nur Trost für Israel sollst du sein. Sondern auch Licht für die Welt. Licht für die Völker – und so das Heil, die Rettungstaten, die Befreiungstaten Gottes bis an die Enden der Erde tragen.

Liebe Gemeinde, wir wissen, daß dieser Knecht gescheitert ist. Im dritten und vierten Lied wird von Gerichtsverhandlung, von Schlägen und Spott, von Geißelung und Tod des Knechts erzählt. Und dennoch triumphieren am Ende nicht die Mörder. Nicht die, die ihm ein Grab bei den Übeltätern gegeben haben. Sondern Gott triumphiert, der sagt: Meinem Knecht wird es gelingen. Er wird Erfolg haben. Er wird Leben haben und Licht sehen.

Er wird der sein, die Mühseligen und Beladenen mit seinem Wort erquickt und der die Menschen einlädt, von ihm zu lernen: Sanftmut und Demut --- und so all das zu vergessen, was das Herz vergiftet und den Verstand vernebelt: den Neid und den Lebensüberdruß, der sich nichts mehr vom Leben erwartet.

Liebe Gemeinde, es ist kein Wunder – und auch kein Zufall, daß die ersten Christenmenschen im namenlosen Knecht Gottes Jesus selbst entdeckt haben. Und es ist absolut kein Zufall, daß sie im Weg und im Leiden und im Triumph dieses Knechtes den Weg Jesu von Galiläa bis nach Jerusalem vorgezeichnet sahen.

Aber genauso wenig ist es ein Zufall, daß sich Israel in diesem Knecht Gottes selbst entdeckt und wiederfindet und sich durch alle Katastrophen der Vernichtung hindurch dem göttlichen Auftrag verpflichtet weiß, Licht für die Völker zu sein.

Zwei Deutungen, die nicht miteinander konkurrieren müssen und die sich nicht ausschließen. Denn die Lieder sind offen formuliert und weit und lassen verschiedene Deutungen zu.

Eines aber ist unstrittig: Und das ist die Art und Weise, wie der Knecht wirkt, und der Auftrag, den er hat.

Was dieser Knecht von Gott her zu sagen hat, das ist Botschaft für alle Menschen und für die ganze Welt.Die Botschaft des Knechts ist nicht für die Nische gedacht und gesprochen. Es geht um ganze Leben mit allen Bezügen und nicht um religiöses Design für ein gehobenes Lebensgefühl. Denn die Botschaft des Knechtes, sein Auftrag ist es, von Gott vor aller Welt in aller Freiheit und Freimütigkeit zu reden. Sein Auftrag ist es, von den Wundern zu erzählen, die Gott getan hat. Von den Taten der Rettung. Vom ewigen Heil hat der Knecht zu reden. Von der Erlösung, vom Freikauf der Menschenkinder hat er zu reden und von der Umwertung aller Werte, von der Versöhnung Gottes mit uns Menschen und vom Ende der Feindschaft.

Damit aber solches Reden nicht dem großen Pathos verfällt und vor allem nicht in ein Wolkenkuckucksheim, deshalb die Rückbindung an den Menschen, der diesen Auftrag zu erfüllen hat und dem es schwer wird, diesem Auftrag nachzukommen.

Spott ernten, Beschämung öffentlich erleben, hart angefragt zu werden: Wo denn nun Gott ist in all dem Tohuwabohu, das uns umgibt? – das ist nicht angenehm. Und oft genug erleben wir`s ja selbst, daß Worte des Trostes in unserem Mund zu Stroh werden und die Hoffnung verfliegt angesichts dessen, was wir sehen und erleben. Daß alles vergeblich ist, daß alles Mühen keinen Sinn hat, weil die Widersprüche der Welt, in der wir leben, nicht aufzulösen sind und weil deshalb auch vieles im eigenen Leben nicht aufgeht --- diese bitteren und harten Fragen nach Gott und seiner Gerechtigkeit haben den Knecht Gottes genauso umgetrieben wie uns heute.

Lösungen gibt`s da nicht. Es gibt nur das Wort Gottes, der sagt: Ich habe ich berufen. Ich habe dich erwählt, auch wenn du dir das nicht ausgesucht hast. Ich habe dich in den Dienst genommen, Licht der Völker zu sein. Es gibt nur den Auftrag, den Jesus den Seinen gegeben hat, ob sie`s nun wollen oder nicht, ob sie daran scheitern oder vielleicht sogar daran zerbrechen: Ihr seid das Licht der Welt.

Liebe Gemeinde, Das heißt: auch wir sind gerufen, über uns selbst hinauszugehen.

Denn auch wir sind durch den heiligen Geist berufen, über uns selbst hinauszudenken und hinaus zu leben. Deshalb sind wir nicht frei, sondern wissen uns in der Verantwortung für alle Welt --- aber das nicht im Gestus der Wissenden, der Habenden, der Besitzenden, sondern im Wissen darum, daß wir nicht aus uns selbst leuchten.

Und wenn es uns auf diesem Weg ganz schwer wird, wenn wir Lust hätten, eigentlich alles hinzuwerfen, dann ist es gut, wahrzunehmen, daß wir nicht alleine sind. Dann ist es gut zu hören, daß das Wort der Schrift uns begleitet, daß der Trost der Verheißungen Gottes uns stärkt und daß uns die Gemeinschaft der Brüder und Schwestern neuen Mut gibt. Und wenn dann noch ein Posaunenchor dazu kommt und spielt. Und so spielt, daß einem das Herz ganz frei wird und alle Enge abfällt, so daß man singen kann, dann sind das allemal Erfahrungen des Überschreitens, des über sich selbst Hinausgehens --- zum Lobe Gottes.

Denn Gott loben – das ist unser Amt. Das ist unser Auftrag: Ihm, dem Schöpfer allen Lebens, die Ehre zu geben. Das ist das Ziel unseres Lebens. Und das wird gelingen. Amen

Neuer Gemeindebrief

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